Paddeln auf der Schlei
„Bei die Wikingers in Haithabu lebte ´ne Frau mit rote Haare. Das gibt es bei die Wikingers ab und zu, und die hier hieß Renate.“ Immer, wenn ich an die Schlei fahre, breitet sich in meinem Kopf unweigerlich dieser Refrain der norddeutschen Spaßcombo Torfrock aus. Und richtig, auch heute lässt mich die Gewohnheit nicht im Stich. So hallt ein „Volle Granate, Renate“ von meinen Lippen über den Yachthafen von Schleswig, als wir dort die Boote von den Autos heben. Doch genug der Reminiszenzen an eine etwas in die Jahre gekommene und ohnehin nie prächtige Melodie, die in meiner Jugend auf Zeltfesten und ähnlichen ruralen Veranstaltungen ertönte.
Wer zum ersten Mal an die Schlei kommt sollte in Schleswig zunächst einen Abstecher ans Südufer machen und unter der Straßenbrücke hindurch ins Haddebyer und Selker Noor paddeln. Sofern vorab nicht auf dem Landwege geschehen gehört eine Besichtigung der Wikingersiedlung Haithabu zum Pflichtprogramm. Hier gegenüber der heutigen Schleswiger Innenstadt lag bis ins 11. Jahrhundert der wichtigste Handelsplatz des nordischen Raumes, wo alle erdenklichen Waren wie Schmuck, Silber, Waffen und Bernstein aus ganz Europa gehandelt wurden. In Verbindung mit Eider und Treene bot die Schlei, zumindest im Vergleich zur Passage ums raue Skagerrak, eine recht bequeme und sichere Verbindung zwischen Nord und Ostsee. Das heutige Wikingermuseum gewährt einen Einblick in die spannende Welt der Wikinger, von dem einst prachtvollen Handelsplatz selbst kündet heute aber nur noch ein neun Meter hoher und im Durchmesser 600 Meter breiter Befestigungswall.
Im Gegensatz zu den Wikingern können wir Kanu-Freizeitkapitäne die Fahrtrichtung frei wählen. Strömung sucht man auf der Schlei vergebens und Beginn- bzw. Endpunkt der Tour daher am besten entsprechend der aktuellen Windverhältnisse aus. Laut Wetterbericht wird der Wind in den nächsten Tagen vor allem aus westlichen Richtungen pusten und wir haben uns für einen Start in Schleswig entschieden. Unter den Augen von St. Petri-Dom und Wikingerturm, einem Wohnhaus, in dessen 26. Stockwerk ein Café einen wunderbaren Ausblick bietet, beginnen wir unsere Tour. Am Nordufer der Schlei paddeln wir entlang der Fischersiedlung Holm, wo die Gärten bis direkt ans Ufer reichen und bunte Fähnchen an Bojen munter im Wind flattern. Vor den idyllischen Giebelhäusern trocknen Fischernetze in der Sonne.
Weder Fluss noch See noch Meer: Wer die Besonderheiten der Schlei beachtet wird mit einer erlebnisreichen Tour belohnt.
Über die Stexwiger Enge erreichen wir die Große Breite und damit die erste schwerere Passage unserer Tour. Auf ihren insgesamt 43 Kilometern kann sich die Schlei nie so recht entschließen ob sie Fluss, See oder Meeresbucht sein will. Korrekt gesprochen ist die Schlei eine sehr lange, um noch korrekter zu sein: die längste Ostseeförde. Bei den weiten, offenen Wasserflächen kann sich bei Wind leicht hoher Wellengang aufbauen und die Tour Seekajakcharakter annehmen. Die Große Breite ist mit einer Ausdehnung von fast 4 km die breiteste Stelle der Schlei, aber wir haben Glück und fast ideale Bedingungen. Der Wind bläst zwar konstant aber nur mäßig und kommt ziemlich genau von hinten. Ohne uns wirklich gefährlich zu werden schieben uns Wind und Wellen immer entlang der Fahrwassertonnen ans gegenüberliegende Ufer. Fast zu schnell haben wir die Große Breite hinter uns gelassen und vor uns schließt sich die Schlei zur Missunder Enge. Nach wenigen Paddelschlägen passieren wir die Seilfähre von Missunde, die auf eine lange Vergangenheit zurückblickt. Seit über 500 Jahren wird hier von Angeln nach Schwansen übergesetzt. Bis 1960 noch mit Muskel- heute natürlich mit Motorkraft.
Entlang der Ufer schmiegen sich Wiesen und Weiden an sanfte Hügelketten. Schilf raschelt in ruhigen Buchten, hier und da lädt ein kleiner Sandstrand zur Rast ein. Die reizvolle Szenerie erfreut natürlich nicht nur des Kanuten Auge sondern lockt diverse andere Freizeitskipper und Bootstouristen, die uns immer freundlich zuwinken. Doch mit der schönen Landschaft nicht genug: auch die vielen kleine Dörfer und Städte laden zu einer Stippvisite ein. Die kleinste ihrer Art ist Bad Arnis. Rund 400 Einwohner zählt diese Stadt, die von Auswanderern aus Kappeln gegründet wurde, die so der drohenden Leibeigenschaft entfliehen wollten.
In Kappeln unterqueren wir zunächst die neue Klapp- und dann die historische Drehbrücke. Anschließend schlängeln wir uns am letzten Heringszaun der Schlei vorbei. Er besteht aus Weidenruten die zwischen Pfahlreihen geflochten sind, welche sich schleiaufwärts verjüngen. Schon im 15. Jahrhundert wurde mit dieser Konstruktion zwischen März und April während des Laichzuges und beim Ausziehen der Jungfische im Mai schmackhafte Heringe gefangen.
Als nähme sie sich ein Vorbild an der Trichterform der Heringszäune erweitert sich auch die Schlei nach einer großen Rechtskurve hinter Kappeln zur Außenschlei. Kein Wölkchen traut sich heute, das Blau des Himmels zu verunzieren und bei Ententeich-Bedingungen erreichen wir ohne Probleme den charakteristischen, schwarz-weiß gestreiften Leuchtturm auf der Lotseninsel in Schleimünde. Wir genießen das herrliche Sommerwetter, lenken unsere Kajaks kurz auf die offene Ostsee und lassen uns eine frische Brise um die Nase wehen. Für die alten Wikinger, ob bei Sonnenschein oder Regen, ob mit oder ohne Renate, begann nun der Törn über das offene Meer. Wir aber wenden die Boote und paddeln zurück in das Örtchen Maasholm am Nordufer der Außenschlei, von wo uns der Bus zurück zum Auto nach Schleswig bringt.
Schleimünde: Der markante schwarz-weiß gestreifte Leuchtturm markiert die Mündung der Schlei in die Ostsee.
