Blog | Feb 24, 2012 | 0 Kommentare

Die Bärenrunde im Winter

Schneeschuhabenteuer am Polarkreis

Langsam kriecht die Kälte in den Schlafsack, klammert sich an die Füße und packt gnadenlos zu. Das Kondenswasser aus der Atemluft ist rund um die Schlafsackkapuze gefroren und jetzt rieseln bei jeder Bewegung feine Eiskristalle in den Kragen. Wir zögern das Aufstehen so lange wie möglich hinaus und bereiten das Frühstück in die dicken Schlafsäcke gemummelt zu. Ein bisschen stutzig werde ich, als das Müsli es nicht vom Topf in den Mund schafft und auf dem Löffel festfriert.

Vor zwei Tagen bin ich zusammen mit drei Freunden von Helsinki etwa 800 km nach Norden an den Polarkreis geflogen und nachdem wir die das Zelt in der ersten Nacht gleich neben dem Rollfeld aufgebaut hatten, ist dies unser zweiter Tag auf der Bärenrunde im Oulanka-Nationalpark.

Schließlich ist es nicht mehr zu vermeiden: Wir müssen raus aus dem Schlafsack und rein in die Schuhe, was leichter geschrieben als getan ist. Die Wanderstiefel sind knüppelhart gefroren und weigern sich standhaft, die Füße aufzunehmen. Ein Blick auf das Thermometer erklärt einiges: Die Skala reicht zwar bis -30 Grad, die Säule hat sich allerdings weit hinter den untersten Strich zurückgezogen.


Bärenrunde im Winter

Winterwunderland am Polarkreis



Bereits auf den ersten Schritten nach dem Loslaufen in Hautajärvi mussten wir lernen, das wir trotz der riesigen Schneeschuhe an den Füßen tief in den weichen Schnee einsacken und nur sehr, sehr langsam voran kommen. Das wir nicht so schnell unterwegs sein würden, wie im Sommer war uns allen klar und genau deshalb war die Bärenrunde ideal, denn die Hütten liegen nahe beieinander. Das wir allerdings jeden 100m-Sprint gegen eine heißgemachte Salatschnecke verlieren würden, damit hatte niemand von uns gerechnet.

Obwohl wir uns anstrengen, schaffen wir gerade einmal vier Kilometer pro Tag und bis zur ersten Hütte bräuchten wir so also geschlagene vier Tage. Als wir uns schon mit zwei weiteren eisige Übernachtungen im Zelt abgefunden haben, knattert uns unerwartet die Rettung entgegen. Ein Nationalparkmitarbeiter pflügt auf einem Schneemobil durch den Wald, stoppt und gibt uns mit Händen und Füßen zu verstehen, daß seine Spur bis zur Savilampi-Hütte reicht.

Wie auf Schienen spulen wir die verbleibenden Kilometer ab und stehen in nicht einmal zwei Stunden vor der Hütte. Ein bißchen ärgert es mich schon, daß ein lautes, stinkendes Gefährt alles so viel einfacher macht. Dafür versinke ich aber auch zum ersten Mal in der herrlichen Umgebung statt im Schnee. In der tiefstehenden Wintersonne glitzern die Eiskristalle und der Schnee modelliert einen Skulpturenpark. Umgestürzte Bäume, Steine oder kleinen Erdhügel werden zu bizarren Elefanten, Totenköpfen oder abstrakten Körpern und an den Ästen baumeln Schneeklumpen wie Wespennester.


Savilampi-Hütte auf der Bärenrunde, Finnland

Das Frieren hat ein Ende: Die Savilampi-Hütte ist erreicht


Innerhalb kürzester Zeit bollert der Ofen auf Hochtouren und in der Hütte wird es mollig warm. Jochen, seines Zeichens Outdoor-Gourmet und Spaghetti-mit-Tomatensoßen-Hasser, läuft zur Hochform auf. Als Vorspeise gibt es eine Nudelsuppe, der Hauptgang besteht aus deftigen Bratkartoffeln und zum Nachtisch gibt es süßen Hefeteig mit Vanillesoße.

Das Glück bleibt uns auch an den folgenden Tagen hold, denn auch die Hütten im weiteren Streckenverlauf sind von den Rangern mit ihren Schneemobilen angefahren worden, sodass wir ohne große Anstrengungen durch den Schnee stapfen. Ganz ohne Probleme geht es dann aber doch nicht und auf dem Weg zur Jussinkämppa-Hütte bringt mich ein dumpfer Knacks aus dem Tritt. Nach einer Schrecksekunde ist mir klar: Die Bindung meines linken Schneeschuhs hat das Zeitliche gesegnet. Ich verfluche die markigen Werbesprüche der Outdoor-Industrie und stapfe den anderen hinterher. Ohne Schneeschuhe sacke ich bis zur Hüfte ein.


An den Myllikoski-Stromschnellen

Wer sich auf die Unbilden einer Wintertour einlässt, wird mit herrlichen Eindrücken und völlig neuen Erkenntnissen belohnt.


Am Abend versuche ich die Bindung mit etwa zwei Meter Reepschnur wieder in Position zu bringen und dort zu fixieren. So ganz traue ich der Hilfskonstruktion zwar nicht, aber etwas Besseres fällt mir leider nicht ein, und zum Glück hat sie bis zum Ende gehalten.
Eine Tour im Winter stellt ganz andere Herausforderung als eine Wanderung im Sommer, eröffnet aber auch völlig neue Eindrücke und unerwartete Fähigkeiten: Seit der Schneeschuhtour auf der Bärenrunde kann ich einen Müsliriegel wie ein Thermometer interpretieren: Bissfestigkeit deutet auf moderate 0°C hin. Hat der Riegel die Konsistenz von Knäckebrot, so liegt die Temperatur bei -10°C. Wird es noch kälter, so nimmt der Härtegrad kiefergefährdende Ausmaße an.

Nachmachen:

Die Bärenrunde ist eine etwa 80 km lange Wanderroute in Nordfinnland, die größtenteils durch den Nationalpark Oulanka verläuft. Im Winter sollte man für die Strecke 10-12 Tage einplanen. Sehr zu empfehlen sind die Monate Februar und März, wenn es wieder lange genug hell ist.



Wanderführer Bärenrunde (mit Kanutouren)

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